Weiter geht es mit den “RheinBlättern”

Montag, 13. Oktober 2014

Ich bin mit dem Krimi-Tabu umgezogen: Meine Einträge sind jetzt hier zu lesen:

http://rheinblaetter-duesseldorf.de/

Ich freue mich sehr, wenn Sie mal r(h)einblättern!

Außergewöhnlich: “Lebt” von Orkun Ertener

Dienstag, 16. September 2014

„Tatort“-Autor und Grimme-Preisträger Orkun Ertener hat sein Romandebüt veröffentlicht.

Der Thriller lebt durch seine Hauptfigur: Can Evinman ist, wie sein Autor, Kölner mit türkischen Wurzeln, und schreibt als Ghostwriter die Autobiographien von Promis. Er ist damit erfolgreich, weil er sich in seine Auftraggeber einfühlen und aus dem, was sie ihm erzählen, stimmige Lebensgeschichten schreiben kann. Er selbst ist aber wie in einem Kokon eingeschlossen, und seine eigene Geschichte weist Brüche auf, die er nicht zusammenerzählen kann. Er ist verletzt und verletzlich, setzt sich aber gegen einen übermächtigen Gegner zur Wehr. Er ist ein Held mit Macken – und wunderbar trockenem Humor.

Can hat das, was wie eine dunkle Decke über ihm liegt – eine Katastrophe in seiner Kindheit –, sorgfältig weggepackt und rührt nicht daran, ist aber dennoch durch seine Vergangenheit ferngesteuert. Als er die Autobiographie einer Schauspielerin schreiben soll, kommt vieles in Bewegung, durch etliche – zu viele – Zufällen, und es zeigt sich ein böser Gegenspieler, der fast schon magische Einflussmöglichkeiten zu haben scheint. Das sind kleine Schwachstellen, weil aber alles andere stimmt, fallen sie kaum ins Gewicht.

Can merkt, dass die Familiengeschichte der Schauspielerin und seine eigene zusammenhängen. Und vor allem, dass seine Eltern vor 35 Jahren möglicherweise doch nicht durch einen Unfall ums Leben kamen, sondern einem Verbrechen zum Opfer fielen. Als er herauszufinden sucht, was wirklich passiert ist, führen die Spuren ihn nach Saloniki, bis ins 17. Jahrhundert und zu jüdischen Vorfahren, die gezwungen worden waren, zum Islam überzutreten. Offiziell galten sie als Muslime, entwickelten aber eine ganz eigene Form der Religion. Von den deutschen Besatzern im Zweiten Weltkrieg wurden sie als Juden verfolgt, enteignet und ermordet.

Erteners Krimi ist vieles, und es gelingt ihm, das alles zusammenzufügen: eine spannende Spurensuche; ein Exkurs über ein kaum bekanntes Kapitel jüdischer Geschichte; ein Actionthriller um ein Vermögen, das die Nazis gestohlen haben; und die Selbstfindungsgeschichte des Ich-Erzählers Can. Der Titel „Lebt“ erschließt sich beim Lesen: Er nimmt Bezug darauf, dass ein Totgeglaubter nicht tot ist und dass der Held, der mit der Trauer um die verschwundenen Eltern auch alle anderen Gefühle abgespalten hat, wieder lebendig oder zumindest lebendiger wird, nachdem er die Rätsel um seine Familie gelöst hat. „Lebt“ ist das Debüt eines erfahrenen Autors, der weiß, wie Spannung geht, aber nicht, wie in seinen Drehbüchern, auf Fernsehbilder angewiesen ist, sondern mit seiner dichten, atmosphärischen Sprache fesselt.

Orkun Ertener: Lebt. Scherz: August 2014, 640 Seiten, 19,99 Euro

Schottische Verhältnisse: Interview mit Ian Rankin

Mittwoch, 27. August 2014

Ian Rankin: Der sympathische Schotte kommt am 22. Oktober nach Unna. Foto: Martin Stickler/ Manhattan Verlag

Harte Zeiten für John Rebus: Ian Rankins Krimiheld muss gegen frühere Kollegen ermitteln; zudem wird Schottland über die Trennung von Großbritannien entscheiden. Rebus ist dagegen, sein Autor von dem Politspektakel vor allem genervt. Der neue Fall “Schlafende Hunde” erscheint in deutscher Übersetzung am 8. September, das Interview mit ihm ist jetzt schon zu lesen unter
http://www.ian-rankin.de/interviews.html

Ian Rankin ist einer der fünf Autoren, die für den Europäischen Krimipreis (Mord am Hellweg / das internationale Krimifestival des Ruhrgebiets) nominiert sind. Am 22. Oktober 2014 stellt er “Schlafende Hunde” bei einer Lesung in Unna vor:
http://www.mordamhellweg.de/krimipreis

Ian Rankin: Schlafende Hunde. Übersetzt von Conny Lösch. 8. September 2014, Manhattan, 464 Seiten, 19,99 Euro

Nachgefragt bei Claus Probst

Montag, 18. August 2014

Die Kombination ist spannend: Claus Probst ist Psychotherapeut und Krimiautor (zuletzt ist von ihm „Nummer Zwei“ erschienen). Ich habe ihn gefragt, was ihn an Krimis reizt; warum das Genre seiner Meinung nach so erfolgreich ist; und was er über Gewaltdarstellungen in Krimis denkt.

Claus Probst, Krimiautor aus Mannheim. Foto: Gaby Gerster / S. Fischer Verlag

Was reizt Sie am Krimi?
Probst: Eigentlich lese ich ungern Krimis. Das liegt daran, dass es wohl keine Literaturform gibt, die mich in der Vergangenheit häufiger enttäuscht hätte. Oft wirken die Plots sehr oberflächlich und sind fast ausschließlich auf die Lösung des Falls, vordergründige Spannung oder die Aneinanderreihung blutiger Grausamkeiten fokussiert. Andererseits bietet gerade dieses Genre einem Autor optimale Möglichkeiten, auf spannende Weise psychologische und philosophische Themen zu transportieren. Ich selbst schreibe oft über Menschen in extremen Lebenssituationen, und was gibt es Extremeres als Tod, Rache und Mord und die damit verbundenen moralischen Fragen?

Worin sehen Sie die Gründe für den aktuellen Boom des Genres?
Probst: Dazu existieren die unterschiedlichsten Hypothesen. So wurde zum Beispiel von einer Studie behauptet, Kriminalromane würden deswegen vermehrt von Frauen gelesen, weil sie verstärkt unter Ängsten litten und derartige Bücher läsen, um sich auf mögliche Gefahrensituationen vorzubereiten. Was laut der Studie allerdings dazu führt, dass die Angst im Alltag noch zusätzlich ansteigt, und damit auch der Konsum von Krimis.
Ich selbst glaube, die Menschen sehen sich zunehmend mit einer komplexen und komplizierten Welt konfrontiert, die sie nicht mehr verstehen und in der sie nichts mehr ausrichten können. Im Gegensatz dazu wird im Kriminalroman das Böse meist auf eine einzige Person konzentriert, die am Ende fast immer ihre gerechte Strafe erhält – in der realen Welt wohl eher eine Ausnahmesituation. Man denke nur an den Flugzeugabschuss über der Ukraine! Insofern bietet der Kriminalroman dem Leser trotz seines beunruhigenden Inhalts paradoxerweise Trost. Denn was ist tröstlicher, als wenn am Ende selbst der intelligenteste und gerissenste Psychopath verlässlich aus dem Verkehr gezogen wird? Und danach ist ALLES wieder gut!

Wo verläuft bei Ihnen bei Gewaltdarstellungen die Grenze? Warum halten Sie sie überhaupt für erforderlich?
Probst: Die Darstellung von Gewalt ist ein heikler Balanceakt. Kürzlich stieß ich in einem Kriminalliteraturblog auf die Frage eines Lesers, ob man ihm vielleicht „irgendetwas mit Folter“ empfehlen könne. Ich möchte bewusst keine Namen nennen, aber in den Bestsellerlisten finden sich regelmäßig Thriller, die man dem Folter-Fan getrost ans Herz legen könnte und die vorrangig auf blutige Gewaltszenen setzen, oft kombiniert mit sadistischen Spielchen. Solche Darstellungen lehne ich ab, denn mit Sicherheit will ich bei meinen Büchern nicht ähnliche Bedürfnisse „befriedigen“ wie die Zirkusspiele zu Zeiten der Römer.
Andererseits sollte man Gewalt auch nicht verharmlosen. Wenn der Leser einen Mord ohne Ekel, Entsetzen oder emotionale Betroffenheit völlig ungerührt an sich vorbeiziehen lassen kann, hat man als Autor versagt. Es sei denn, man schreibt bewusst humoristisch oder man sieht in einem Mord nicht mehr als ein Sudoku, das es ohne Empathie für die Opfer zu lösen gilt. Will man aber einen Mord als das darstellen, was er in Wirklichkeit ist, so kommen letztendlich weder der Autor noch die Leser um eine halbwegs realistische Schilderung des Tathergangs sowie der Demütigungen und Verletzungen der Opfer und Hinterbliebenen herum.

Claus Probst: Nummer Zwei. Mai 2014, Fischer Taschenbuch, 400 Seiten, 9,99 Euro

Düsseldorfer Krimi-Experten und ihre Lese-Tipps

Donnerstag, 31. Juli 2014

Es war mein Krimi-Highlight in diesem Sommer: Gespräche um die Frage, warum das Genre boomt – mit Horst Eckert, Sabine Klewe, Christina Esch und Detlef Knut.

Das Grundmuster ist simpel: Der Held – inzwischen wieder öfter, wie zu den Anfängen des Genres, die Heldin – muss den Bösen finden und hinter Gitter bringen. Die Varianten dieses Musters sind aber Legion: Es gibt Fälle mit schrägen und abgehalfterten Kommissaren, kulinarische Krimis, Psychothriller, Bücher, in denen Katzen oder Schafe ermitteln, Polit- und Spionagethriller… Ob schlicht gestrickt oder in komplexen, gesellschafts- und politikkritischen Varianten, blutig oder witzig: Krimis und Thriller sind so beliebt wie nie zuvor. Warum ist das so: Was reizt Leser und Autoren daran, sich mit Mord und anderen Untaten zu befassen?

Horst Eckert ist beeindruckt von Oliver Bottinis „Ein paar Tage Licht“: „ein genau recherchierter Krimi über Waffenhandel.“ Foto: Kathie Wever

Spannung macht ernste Themen zugänglich

„Man erfährt viel über menschliche Abgründe“, antwortet Krimiautor Horst Eckert. „Auch wenn wir heute in Deutschland meist nicht direkt mit Verbrechen konfrontiert sind, spielen sie doch eine große Rolle. Krimis erklären, oft nah an der Realität, wozu Menschen in ihren dunklen Stunden fähig sind und wie ein Verbrechen Schicksale prägt.“

Seine Themen findet Eckert meist in der Politik. In seinem aktuellen Fall „Schwarzlicht“ bezieht er sich auf das illegale Abhören von Politikern und auf Partei-Schwarzgeldkassen, während sein Ermittler sich mit den Kriegsverbrechen seines Großvaters und der RAF-Vergangenheit seiner Mutter auseinandersetzen muss. Unterhaltung und Verbrechen schließen sich für Eckert nicht aus, im Gegenteil: „Gut konstruierte Spannung macht schwerwiegende Themen vielen Lesern erst zugänglich.“

Promotion über schottische Krimiautorin

Sabine Klewe fasziniert am Krimi das Spiel mit Grenzsituationen: „Man kann seine Ängste durchleben,

Einer der Lieblingskrimis von Sabine Klewe ist Val McDermids „Ein Ort für die Ewigkeit“: „Ein Fall aus den 1960er Jahren wird neu aufgerollt – und es ist spannend zu sehen, wie sich unser Verständnis bestimmter Arten von Verbrechen gewandelt hat.“ Foto: Alexander Vejnovic

begleitet von interessanten Romanfiguren, ohne dass es für den Leser gefährlich wird.“ Die Düsseldorferin arbeitet aktuell an einer Krimiserie unter dem Pseudonym Karen Sander, deren zweiter Band – „Wer nicht hören will, muss sterben“ – im Oktober erscheint. Außerdem hat sie sich gerade über die schottische Krimiautorin Val McDermid promoviert.

Ein Aspekt ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist die in Deutschland weit verbreitete Unterscheidung zwischen Hoch- und Populärliteratur. Eine Grenze, die Klewe selbst, wie die meisten ihrer Kollegen insbesondere in den englischsprachigen Ländern, nicht wichtig findet. „Mich interessieren die Texte, das, was sie mit mir bei der Lektüre machen“, erklärt sie. „Was finde ich in einem Krimi? Was ist das Faszinierende, Vielschichtige?“

Christina Esch empfiehlt eine Krimireihe von Sam Millar; der erste Band ist Die Bestie von Belfast”: „außergewöhnliche Fälle um den Privatermittler Karl Kane, die in Belfast spielen.“ Foto: Lesezeit

Vielfältige Leserinteressen

Wie unterschiedlich Krimileser diese Fragen beantworten, weiß Christina Esch von der Buchhandlung Lesezeit in Düsseldorf-Kaiserswerth. „Jetzt in den Ferienmonaten sind Frankreich-Krimis sehr beliebt, wie Martin Walkers Périgord-Fälle oder die Bände von Jean-Luc Bannalec, die in der Bretagne spielen“, berichtet die Buchhändlerin, die selbst ein Faible vor allem für politische Stoffe hat. Aber auch ihre Kunden fragen im Sommer nicht nur nach leichter Kost: „Volker Kutschers Krimi-Serie, die in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren spielt, kommt gut an. Oder aktuell Marc Elsbergs ‚Zero‘, ein Thriller, der sich mit Datenmissbrauch auseinandersetzt.“

Detlef Knut gehört zu denen, die viele Leseinteressen in sich vereinigen, privat wie

Detlef Knut hat ein Faible für Robert B. Parkers Serie um Jesse Stone; der erste Band ist „Das dunkle Paradies“: „Es ist die Figur, dieser Cop in einer US-amerikanischen Kleinstadt, die mich fesselt.“ Foto: Regina Knut

beruflich: Der Verleger der Edition Oberkassel schmökert ganz Unterschiedliches, von Politthrillern bis zu witzigen Krimis mit schrägen Helden. Auch jenseits seines eigenen, weitgefächerten Geschmacks sieht er keine Krimitrends, mit einer Ausnahme: „Titel mit regionaler Anbindung kommen gut an, wie unser Düsseldorf-Krimi ‚Ausgeweidet‘.“

Diese Vielfalt, die unterschiedliche Lektürewünsche befriedigt, ist einer der Gründe dafür, dass das Genre boomt. Neben spannenden, in der Regel gut lesbaren Geschichten mit interessanten Helden und oft mit Themen, die viele interessieren. Nicht immer, aber immer öfter ist das Genre viel besser als sein Ruf.

Die Krimitipps
Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht.  Dumont, 512 Seiten, 19,99 Euro.
Val McDermid: Ein Ort für die Ewigkeit. Knaur Taschenbuch, 592 Seiten, 9,99 Euro.
Sam Millar: Die Bestie von Belfast. Atrium, 288 Seiten, 16,95 Euro.
Robert B. Parker: Das dunkle Paradies. Pendragon, 344 Seiten, 10,95 Euro.